EU‑Mercosur-Freihandelsabkommen: Welche Chancen jetzt für deutsche Auto-, Maschinenbau- und Chemieaktien entstehen
35 Prozent Zoll auf Autos, bis zu 20 Prozent auf Maschinen, bis zu 18 Prozent auf Chemieprodukte – und all das soll in den kommenden Jahren weitgehend fallen. Genau hier liegt der Kern der Investment-Story rund um das EU‑Mercosur-Freihandelsabkommen: Ein Markt von über 700 Millionen Menschen öffnet sich für europäische – und damit vor allem deutsche – Industriegüter in einem bislang stark abgeschotteten Wirtschaftsraum.[1][6] Während europäische Bauern lautstark vor Importkonkurrenz warnen, jubeln Auto-, Maschinenbau- und Chemiekonzerne über neue Absatzchancen. Anleger müssen sich jetzt die Frage stellen: Welche Aktien sind die kommenden Profiteure – und wo drohen strukturelle Verlierer?
Im Fokus stehen deutsche Konzerne wie Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW im Auto-Sektor, Siemens, Bosch Rexroth, DMG Mori im Maschinenbau und BASF, Covestro, Evonik in der Chemie. Die Richtung ist klar: exportstarke, global aufgestellte Industrieunternehmen gehören zu den potenziellen Gewinnern. Dagegen geraten Teile der europäischen Agrar- und Ernährungswertschöpfungskette unter Druck – ein strukturelles Risiko für Agrarhandels- und Lebensmittelkonzerne mit starker EU-Exposure. Wer sein Portfolio auf die neue Freihandelszone ausrichten will, muss daher genauer hinsehen, wie das Abkommen in einzelnen Branchen und Wertschöpfungsstufen wirkt.
Makro-Sprungbrett: Was das EU‑Mercosur-Abkommen volkswirtschaftlich bedeutet
Mit dem Abkommen entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt: Die EU und die Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay vereinen zusammen gut 17 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und rund 31 Prozent der weltweiten Exporte.[6] Laut EU-Kommission könnten die jährlichen EU-Exporte in die Region um bis zu 39 Prozent steigen und zusätzliche 440.000 Arbeitsplätze in Europa sichern.[2][6] Für Deutschland als exportorientierte Industrienation ist das eine strategische Weichenstellung.
Die Mercosur-Staaten gehören bislang zu den am stärksten abgeschotteten großen Märkten: 35 Prozent Zoll auf Autos, 14 bis 20 Prozent auf Maschinen und bis zu 18 Prozent auf Chemieprodukte bremsen derzeit europäische Anbieter aus.[1] Das Abkommen sieht vor, diese Zölle über Übergangsfristen von bis zu 10 bis 15 Jahren schrittweise abzubauen.[1][5] Es geht also weniger um einen kurzfristigen Konjunkturkick, sondern um eine langfristige Verschiebung der Wettbewerbsposition hin zu europäischen – und damit deutschen – Industriefirmen.
Ein weiterer makroökonomischer Effekt ist geopolitischer Natur: In einer Welt, in der sich USA und China zunehmend abschotten, schafft das Abkommen für Europa eine zusätzliche Diversifikation seiner Handelsbeziehungen und ein Gegengewicht zur chinesischen Präsenz in Lateinamerika.[3][4][7] Für Anleger ist das relevant, weil exportorientierte Konzerne damit weniger abhängig von einzelnen Regionen und politisch motivierten Zollschocks werden.
Neue Wissensperspektive 1: Exportdiversifikation als Bewertungsfaktor
Ein nicht-trivialer Punkt für Investoren: Die Diversifikation der Exportstruktur kann in der Bewertung von Industrieaktien künftig eine größere Rolle spielen. Unternehmen, die bisher stark von China oder den USA abhängen, bekommen mit Mercosur eine zusätzliche Wachstumsoption. Damit sinkt das politische Klumpenrisiko – ein Faktor, der in Risikoaufschlägen (Discount Rates) von Analystenmodellen zunehmend berücksichtigt wird. Gerade nach den Erfahrungen mit US-Zöllen und chinesischen Gegensanktionen wertet der Kapitalmarkt breitere Absatzbasis zunehmend als Bewertungsplus.[3][6][7]
Deutsche Autoindustrie: Zollvorteile, E-Mobilität und die Konkurrenz aus China
Die Autoindustrie ist einer der größten Gewinner des Abkommens. Heute zahlen europäische Hersteller für Autoexporte in Mercosur-Länder Zölle von 35 Prozent.[1][2] Diese Belastung soll schrittweise wegfallen, in Segmenten wie E-Autos teilweise schneller.[3] Das verschiebt die Wettbewerbsposition klar zugunsten von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW – insbesondere gegenüber chinesischen Herstellern, die in Lateinamerika stark expandieren.
Für europäische Hersteller ergibt sich ein doppelter Hebel:
- Preisvorteil: Wegfallende Zölle erlauben entweder niedrigere Endpreise oder höhere Margen – oder eine Mischung aus beidem.
- Modellmix: Besonders bei höherpreisigen Premium- und E-Modellen fällt der relative Vorteil stark ins Gewicht, weil der prozentuale Zoll auf einen hohen Basispreis entfällt.
Experten betonen, dass Zölle auf E-Autos mit Inkrafttreten sofort reduziert werden sollen, was europäischen Herstellern bei elektrischen Fahrzeugen einen unmittelbaren Vorteil verschafft.[3] Das ist vor allem deshalb bedeutend, weil Lateinamerika – bisher ein Verbrenner-Markt – politisch zunehmend auf Elektrifizierung setzt, während chinesische Konzerne mit günstigen EV-Modellen in Brasilien und anderen Mercosur-Staaten Fuß fassen.
Implikationen für Auto-Aktien
Für Investoren sind mehrere Ebenen relevant:
- Volkswagen (VZ/Stammaktien): VW ist bereits in Brasilien und Argentinien präsent und kann bestehende Strukturen durch den Zollabbau effizienter nutzen. Die Gruppe ist stark in Volumen- und Mittelklasse-Segmenten – genau dort, wo Preissensitivität hoch ist und Zollentlastung sehr direkt durchschlägt. VW gehört daher zu den klaren Profiteuren und ist auf dem aktuellen Bewertungsniveau aus Mercosur-Perspektive eher ein Kauf.
- Mercedes-Benz Group: Der Konzern fokussiert sich zunehmend auf das Premiumsegment und elektrische Oberklasse-Modelle. In Mercosur könnte der Zollabbau die Position im oberen Preissegment ausbauen. Wegen stärkerer Konjunkturabhängigkeit und bereits guter Profitabilität bietet sich die Aktie eher als Halten mit positivem Bias an.
- BMW: BMW kombiniert Premium-Positionierung mit hoher Fertigungstiefe und Effizienz. Der Konzern hat traditionell eine starke Stellung in wachstumsstarken Auslandsmärkten. Die Mercosur-Öffnung stärkt diesen Trend – die Aktie ist aus Freihandels-Sicht ein solider Kaufkandidat, insbesondere für langfristige Anleger.
Spannend wird, inwieweit die europäische Autoindustrie Mercosur auch als Produktionsstandort für die Region nutzt – vergleichbar mit der Strategie, chinesische Kapazitäten für Asien zu verwenden. Diese Option könnte mittelfristig zu einer weiteren Margenverbesserung führen, etwa durch die Kombination aus lokalem Sourcing und zollfreier Lieferung innerhalb der Freihandelszone.
Neue Wissensperspektive 2: Rohstoffzugang als EV-Wachstumstreiber
Für die Autoindustrie geht es nicht nur um den Absatzmarkt, sondern auch um den Zugang zu Rohstoffen. Der Verband der deutschen Industrie weist auf die Bedeutung von Lithium und Kupfer aus der Region hin, die für Batterien und Elektromobilität essenziell sind.[4] Mittelfristig könnten strategische Partnerschaften zwischen deutschen OEMs und Rohstofflieferanten aus Mercosur entstehen – vergleichbar mit Deals, die Autohersteller derzeit in Kanada und Australien anstreben. Damit würde das Abkommen indirekt auch die Sicherheit der Batterielieferketten erhöhen und die Kostenkurve für EVs stabilisieren.
Maschinenbau: Hightech-Lösungen für Infrastruktur, Industrie 4.0 und Agrarbusiness
Der deutsche Maschinenbau gilt als Rückgrat des deutschen Exportmodells – und genau hier setzt das Mercosur-Abkommen an. Heute werden Maschinen in vielen Segmenten mit 14 bis 20 Prozent verzollt.[1] Der Abbau dieser Zölle erhöht die Preis- und Margenattraktivität deutscher Anbieter deutlich. Germany Trade & Invest hebt hervor, dass Maschinenbau zu den Kernbranchen gehört, für die die größten Chancen erwartet werden.[5]
Lateinamerika steht in mehreren Bereichen vor massiven Investitionszyklen: Infrastruktur (Straßen, Häfen, Energie), Modernisierung der Industrie, Ausbau erneuerbarer Energien und Automatisierung in der Landwirtschaft. Deutsche Maschinenbauer sind in all diesen Segmenten mit wettbewerbsfähigen Hightech-Lösungen vertreten – von Werkzeugmaschinen über Antriebstechnik bis zu Automatisierungs- und Prozessleitsystemen.
- Siemens: Profitieren dürfte insbesondere das Geschäft mit Automatisierung, Netztechnik, Energieinfrastruktur und Digitalisierungslösungen für Industrieanlagen. Mercosur ist ein klassischer Markt, in dem „Brownfield“-Modernisierung und „Greenfield“-Investitionen parallel laufen.
- DMG Mori, Trumpf & Co.: Höherwertige Werkzeugmaschinen werden mit Zollabbau deutlich attraktiver. Gerade Brasilien als Industriestandort hat erheblichen Modernisierungsbedarf.
- Bosch Rexroth & Co.: Hydraulik-, Antriebs- und Steuerungstechnik werden überall dort gebraucht, wo Industrialisierung anzieht – von Bergbau über Stahl bis zu Agrarverarbeitung.
Eine aktuelle Erhebung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeigt, dass rund jedes dritte deutsche Unternehmen vom Mercosur-Abkommen positive Effekte auf das eigene Geschäft erwartet – mit Schwergewicht auf Maschinenbau, Kfz und Chemie.[5][7] Für kapitalmarktnahe Beobachter ist dies ein Frühindikator für Investitions- und Expansionspläne in der Region.
Implikationen für Maschinenbau-Aktien
Aus Investorensicht stützt Mercosur insbesondere Unternehmen mit hoher Exportquote und starker Präsenz im Investitionsgütergeschäft:
- Siemens: Der Konzern profitiert breit: von Energie- und Netztechnik über Digitalisierung bis hin zu Automatisierung. Mercosur stärkt die Rolle von Siemens als Infrastruktur- und Industrialisierungspartner. Die Aktie ist aus Freihandels-Perspektive klar ein Halten bis moderater Kauf, abhängig vom Einstiegsniveau.
- Mid-Caps im klassischen Maschinenbau: Bei exportstarken Spezialisten (z.B. Werkzeugmaschinenbauer, Verpackungsmaschinenhersteller) erhöht Mercosur den adressierbaren Markt. Mangels spezifischer börsennotierter Beispiele in der Berichterstattung ist das Fazit eher generisch: Die Branche insgesamt bleibt aus Sicht eines diversifizierten Industrie-Portfolios ein Übergewichten-Kandidat.
Für Anleger, die tiefer einsteigen wollen, lohnt die Verbindung dieses Themas mit einer breiteren Perspektive auf technologische Umbauprozesse. Gerade die Rolle von Automatisierung und KI im globalen Investitionszyklus wird in Analysen wie Wie KI bis 2026 die Weltwirtschaft und Aktienmärkte umkrempelt ausführlicher beleuchtet – Mercosur ist hier im Grunde eine regionale Verstärkung eines globalen Strukturtrends.
Chemieindustrie: Nachfrage, Lokalisierungsdruck und Regulierungsfragen
Die deutsche Chemieindustrie gehört zu den Sektoren, die laut EU-Kommission besonders profitieren dürften.[1][6] Bislang werden chemische Produkte mit Zöllen von bis zu 18 Prozent belastet.[1] Ihr schrittweiser Abbau macht deutsche Chemieexporte in Bereichen wie Spezialchemikalien, Kunststoffe, Pflanzenschutzmittel und pharmazeutische Vorprodukte deutlich wettbewerbsfähiger.
Gleichzeitig ist Lateinamerika ein stark wachsender Markt mit hohem Bedarf an modernen Chemieprodukten – vom Agrarbereich (Düngemittel, Pflanzenschutz) über Bauchemie bis hin zu Spezialchemikalien für Industrie und Konsumgüter. Deutsche Chemiekonzerne wie BASF verfügen bereits über Produktions- und Vertriebsstrukturen in Brasilien und anderen Mercosur-Staaten, sodass sie den Zollabbau nicht erst über Markteintritt, sondern direkt über Margen- und Volumenhebel nutzen können.
Neue Wissensperspektive 3: „Dual Footprint“ – Export plus lokale Fertigung
Eine zentrale strategische Entwicklung in der Chemie wird verstärkt durch Mercosur: der „Dual Footprint“ aus Export und lokaler Fertigung. Unternehmen wie BASF kombinieren globale Verbundstandorte in Europa mit regionalen Produktionsclustern in Wachstumsmärkten. Zollabbau verbessert zunächst die Wettbewerbsposition europäischer Werke, kann mittelfristig aber auch dazu führen, dass lokale Kapazitäten weiter ausgebaut werden, um schneller und regulierungssicher in Mercosur liefern zu können.
Für Investoren bedeutet das: Mercosur wirkt in der Chemie nicht nur als Volumenhebel, sondern auch als struktureller Faktor für Standortentscheidungen, Capex-Planungen und mögliche Joint Ventures – eine Ebene, die in klassischen Bewertungsmodellen oft unterschätzt wird.
Implikationen für Chemie-Aktien
Die Effekte sind differenziert:
- BASF: Als global aufgestellter Vollsortimenter mit starker Präsenz in Brasilien gehört BASF zu den klaren Nutznießern der Marktöffnung. Der Konzern kann Zollvorteile sowohl im Export als auch in der lokalen Wertschöpfung nutzen. Trotz zyklischer Risiken rechtfertigt der Mercosur-Effekt für langfristig orientierte Anleger eine Einstufung als Kauf.
- Evonik, Covestro & Co.: Spezialchemie und Performance-Materialien gewinnen über neue Industriestandorte und Infrastrukturprojekte in der Region. Die Freihandelszone vergrößert den adressierbaren Markt. Für die meisten Chemie-Midcaps ist Mercosur ein solider, aber nicht allein ausschlaggebender Positivfaktor – Halten bis selektiv Kaufen.
Regulatorisch wichtig: Das Abkommen enthält Bestimmungen zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit, die auch für Chemieunternehmen relevant sind. Es geht ausdrücklich darum, Handelsvorteile nicht durch Umwelt- oder Standardsdumping zu erreichen – ein Punkt, der zwar in der öffentlichen Debatte häufig kritisiert, im Vertragstext aber verankert ist.[1][4][6]
Landwirtschaft, Handel und politische Konfliktlinien
Während Industrieverbände das Abkommen als „Meilenstein“ feiern,[4][7] kommt es aus der europäischen Landwirtschaft zu vehementem Widerstand. Hauptargument: Billigere Importe von Rind- und Geflügelfleisch aus Südamerika könnten Preise drücken und europäische Bauern aus dem Markt drängen. Die EU versucht, diesen Konflikt über Schutzmechanismen abzufedern.
Vorgesehen sind unter anderem:
- Kontingente: Beispielsweise werden zollreduziert nur 99.000 Tonnen Rindfleisch pro Jahr eingeführt – rund 1,5 Prozent der europäischen Schlachtmenge.[4]
- Schutzklauseln: Bei starkem Preisverfall oder plötzlichem Importanstieg können Zollvorteile ausgesetzt werden.[1][2]
- Zusätzliche Agrarsubventionen: Ab 2028 sollen europäische Landwirte zusätzlich mit bis zu 45 Milliarden Euro unterstützt werden.[4]
Für Verbraucher bedeutet dies voraussichtlich leicht günstigere Lebensmittelpreise ohne abrupte Preisschocks.[1] Für Agrarunternehmen und Lebensmittelkonzerne mit starker EU-Exposure kann der Preisdruck jedoch auf Margen schlagen – insbesondere dort, wo sie nicht durch Markenstärke oder Premium-Positionierung abgesichert sind.
Zeithorizont: Wann wirken die Effekte wirklich durch?
Ein häufig unterschätzter Aspekt ist der Zeitrahmen. Viele Zollsenkungen greifen erst über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren.[1][5] Makroökonomisch messbare Effekte werden daher überwiegend in den nächsten fünf bis zehn Jahren sichtbar, nicht sofort.[3] Gleichzeitig gibt es Sektoren – etwa E-Autos –, in denen Zölle deutlich schneller reduziert werden.[3]
Für Investoren heißt das: Mercosur ist kein kurzfristiger Trigger für spektakuläre Quartalsergebnisse, sondern ein struktureller Rückenwind, der sich über Jahre in Umsatz- und Margenpfaden niederschlägt. Kursreaktionen können allerdings früher kommen, wenn der Kapitalmarkt die neuen Freiheitsgrade antizipiert.
Zur tiefen Einordnung der mittel- bis langfristigen Wirkung solcher Strukturreformen auf Unternehmensbewertungen und Marktzyklen lohnt auch ein Blick auf weiter gefasste Transformationsanalysen, etwa Künstliche Intelligenz 2026: Produktivitätsschub, Bewertungsrisiken und die Frage, welche Aktien jetzt noch Sinn ergeben.
Konkrete Investment-Analyse: Kaufen, Halten, Verkaufen?
Autoaktien
- Volkswagen: Starke Präsenz in Mercosur, breites Modellportfolio, hoher Hebel über Zollabbau auf Volumensegment. In Verbindung mit einer moderaten Bewertung ist VW aus Mercosur-Sicht ein Kauf.
- BMW: Gute Position im Premiumsegment, hohe Exportkompetenz, starke Bilanz. Mercosur stärkt die globale Wachstumsstory – Einstufung: Kaufen für langfristig orientierte Anleger.
- Mercedes-Benz Group: Profiteur bei Premium- und E-Modellen, aber bereits sehr profitabel und stärker konjunkturabhängig. Mercosur ist ein Plus, aber kein Gamechanger – Einstufung: Halten.
Maschinenbau- und Industrieaktien
- Siemens: Breiter Nutznießer (Energie, Automatisierung, Infrastruktur). Das Abkommen unterstützt die langfristige Wachstumsstory – Einstufung: Halten bis moderat Kaufen, abhängig von der Bewertung.
- Spezialisierte Maschinenbau-Midcaps: Exportstarke Nischenanbieter profitieren, aber Mercosur ist nur ein Baustein unter vielen Treibern. Grundsätzlich Halten, selektiv Kaufen, wenn Geschäftsberichte konkrete Mercosur-Strategien hinterlegen.
Chemieaktien
- BASF: Klarer Profiteur durch bestehende Präsenz und breites Portfolio; Mercosur unterstützt die De-Risking-Strategie weg von der reinen Europa-Exponierung. Einstufung: Kaufen.
- Evonik, Covestro & andere Spezialchemie: Positive Nachfrageimpulse, aber Abhängigkeit von globalen Zyklen bleibt. Einstufung: überwiegend Halten, mit Tendenz zu Kaufen bei attraktiven Bewertungen.
Potenzielle Verlierer
- EU‑Agrar- und Lebensmittelunternehmen mit niedriger Wertschöpfungstiefe: Druck auf Margen durch günstigere Importware. Ohne starke Marken oder Premiumpositionierung eher Risiko-Positionen – Halten bis Reduzieren.
- Rein binnenorientierte Dienstleister: Profitieren wenig bis gar nicht vom Abkommen, während Exportindustrien Bewertungsprämien erhalten könnten. Relative Underperformance möglich, aber kein unmittelbarer Verkaufszwang.
Volkswirtschaftliche Vor- und Nachteile
Vorteile
- Stärkung der Exportindustrien: Auto, Maschinenbau und Chemie erhalten besseren Zugang zu einem großen Wachstumsmarkt, Zölle werden für bis zu 91 Prozent der Exporte schrittweise abgebaut.[4][7]
- Beschäftigungseffekte: Die EU-Kommission rechnet mit bis zu 440.000 zusätzlichen Jobs in der EU.[2][6]
- Handelsdiversifikation: Europa reduziert seine Abhängigkeit von USA und China und setzt ein Signal für offenen Handel.[3][4][7]
- Rohstoffzugang: Besserer Zugang zu Lithium, Kupfer und anderen Rohstoffen, die für Energiewende und E‑Mobilität entscheidend sind.[4]
- Konsumentenwohlfahrt: Günstigere Importe bei Lebensmitteln und ausgewählten Konsumgütern, ohne dass es zu abrupten Preisschocks kommt.[1]
Nachteile und Risiken
- Druck auf die Landwirtschaft: Konkurrenz durch billigere Importe, trotz Kontingenten und Ausgleichszahlungen.[1][4]
- Umwelt- und Sozialstandards: Kritiker befürchten, dass die Ausweitung des Handels Entwaldung und Umweltprobleme verstärken könnte. Zwar sind Nachhaltigkeitsklauseln vorgesehen, deren Durchsetzung aber politisch umstritten ist.[1][4][6]
- Anpassungsdruck in Mercosur: Lokale Industrieunternehmen geraten unter Wettbewerbsdruck, was dortige politische Gegenreaktionen auslösen könnte.[3]
- Implementierungsrisiko: Verzögerungen bei der Ratifizierung einzelner EU-Staaten, innenpolitische Debatten und mögliche Nachverhandlungen können Zeitplan und Planbarkeit beeinflussen.[5][6]
Zukünftige Entwicklung: Wie sich das Abkommen auf Märkte und Strategien auswirkt
Die nächsten Jahre werden von drei Trends geprägt sein:
- Schrittweiser Zollabbau und Investitionswellen: Mit jeder Phase der Zollsenkung wird der Mercosur-Markt für europäische Industrieunternehmen attraktiver. Dies dürfte Investitionsentscheidungen, Produktionsverlagerungen und M&A-Strategien beeinflussen.[1][5]
- Vertiefung strategischer Partnerschaften: Auto- und Chemiekonzerne werden verstärkt nach langfristigen Rohstoff- und Technologiepartnerschaften in Mercosur suchen. Das betrifft Batterierohstoffe, Wasserstoffprojekte, erneuerbare Energien und industrielle Plattformen.
- Kombination mit technologischen Megatrends: Digitalisierung und KI werden die Fähigkeit der Unternehmen bestimmen, die neuen Chancen wirklich zu nutzen – etwa durch datengetriebene Vertriebsstrategien, intelligente Wartung (Predictive Maintenance) oder optimierte Lieferketten. Analysen wie Wie KI bis 2026 Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Aktienmärkte neu ordnet zeigen, wie diese Themen zusammenfließen.
Für die Kapitalmärkte bedeutet das: Mercosur ist weniger ein einmaliger Kurstreiber als ein struktureller Bewertungsfaktor, der über Jahre in den Risikoaufschlag, die Wachstumsannahmen und die Margenpfade exportorientierter Unternehmen einfließt. Wer früh die „Mercosur-Gewinner“ im Portfolio verankert, profitiert von einem zusätzlichen, weitgehend unkorrelierten Wachstumspfad neben den bekannten Treibern wie USA, China und Digitalisierung.
Für Anleger lassen sich daraus klare Handlungslinien ableiten: Exportstarke deutsche Industrieunternehmen – allen voran Aktien wie Volkswagen, BMW, BASF und in zweiter Linie Siemens – sollten in einem langfristig ausgerichteten Portfolio eher aufgestockt oder zumindest übergewichtet werden. Sie erhalten durch das EU‑Mercosur-Abkommen einen zusätzlichen strukturellen Rückenwind, der sich sukzessive in Umsatz- und Margenprofilen niederschlagen dürfte. Dagegen sind Positionen mit Fokus auf EU‑Agrar- und Basislebensmittelproduktion kritisch zu überprüfen, da anhaltender Wettbewerbsdruck aus Mercosur den Margenkorridor einengt. Volkswirtschaftlich überwiegen für Deutschland und die EU die Vorteile: stärkere Exportindustrien, mehr Beschäftigung, bessere Rohstoffsicherheit und eine geopolitisch breitere Aufstellung. Kurzfristig dominieren politische Debatten und Anpassungskonflikte, langfristig wird das Abkommen aber voraussichtlich zu einer tieferen wirtschaftlichen Verflechtung und zu einer Neubewertung der Rolle Lateinamerikas in globalen Wertschöpfungsketten führen. Wer die Kombination aus Freihandel, Technologie und Strukturwandel versteht und in seinem Portfolio umsetzt, positioniert sich in einem Umfeld, das zunehmend von Handelsblöcken und strategischen Allianzen geprägt sein wird.



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