Auftragsbestand der deutschen Industrie im Juni 2025: Tiefpunkt seit der Finanzkrise 2009
Der Auftragsbestand der deutschen Industrie ist im Juni 2025 auf einen neuen Tiefstand gefallen und sorgt für spürbare Unruhe am Wirtschaftsstandort Deutschland. Die zentrale Frage: Stehen Schlüsselbranchen wie der Fahrzeugbau und die Metallindustrie vor einem nachhaltigen Abschwung, oder handelt es sich um eine temporäre Schwächephase? Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts geben Anlass zur Sorge: Der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe sank gegenüber Mai um deutliche 1 Prozent (Destatis), wobei der Einbruch in bestimmten Industriesegmenten noch wesentlich stärker ausfiel.
Juni 2025: Entwicklungen im Auftragseingang nach Branchen
Die rückläufigen Auftragszahlen treffen vor allem den Sonstigen Fahrzeugbau, der Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge umfasst: Hier brachen die Bestellungen im Juni saison- und kalenderbereinigt um 23,1 Prozent ein (regionalheute.de). Auch die Automobilindustrie kämpft mit deutlichen Rückgängen (-7,6 Prozent), ebenso die Herstellung von Metallerzeugnissen (-12,9 Prozent). Besonders die großen deutschen Konzernmarken im Flugzeug- und Fahrzeugbau, wie Airbus, Siemens Mobility und die Automobilhersteller, sind von der Entwicklung betroffen.
Im Gegensatz dazu meldet die Herstellung von elektrischen Ausrüstungen ein kräftiges Plus von 23,5 Prozent. Im aktuellen Dreimonatsvergleich legte das Ordervolumen um 3,1 Prozent zu, wenn Großaufträge unberücksichtigt bleiben, stieg es nur um 0,1 Prozent. Die positive Entwicklung im Bereich Vorleistungsgüter (+6,1 Prozent) kann die breiten Verluste jedoch nicht ausgleichen (Stern).
Einflussfaktoren und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Die Analyse zeigt, dass das schwache Niveau der Neuaufträge vor allem sektorale Ursachen hat. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (Militärfahrzeuge) steht offenbar unter Spardruck, während die traditionelle Automobilindustrie unter globalen Lieferkettenproblemen, teureren Rohstoffen und sinkender Nachfrage leidet. Der Maschinenbau, ein weiterer Indikator für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, bleibt schwach (LBBW). Die jüngsten wirtschaftspolitischen Kompromisse wie das Zollabkommen zwischen USA und EU zeigen bislang noch keine aufmunternden Effekte in den Juni-Zahlen.
- Technologischer Wandel und starkes Wachstum im Bereich elektrischer Ausrüstungen
- Anhaltende Konsumzurückhaltung bei klassischen Investitionsgütern
- Einbrüche in exportorientierten und kapitalintensiven Sektoren
Fallstudien und Beispiele für Entwicklungstrends
Die Branchenriesen spüren den Abwärtstrend besonders intensiv. So berichtet die Automobilindustrie von zurückgestellten Modellprojekten und reduziertem Exportvolumen, während Unternehmen wie Siemens Mobility und Alstom im Zugbau mit weniger internationalen Großaufträgen konfrontiert sind. Der Sektor für elektrische Ausrüstungen profitiert hingegen von der fortschreitenden Digitalisierung und der Energiewende: Hersteller von Batterietechnik und Ladekomponenten können ihre Auftragsbücher trotz allgemeiner Flaute füllen.
- Airbus und MTU Aero Engines: spürbarer Rückgang im Flugzeugbau, teilweiser Ausgleich durch militärische Modernisierung (noch zurückgestellt).
- Daimler, BMW, Volkswagen: Umsatzdruck durch Wettbewerb aus China und sinkende Nachfrage im EU-Raum.
- Siemens, ABB: Auftragsschub in elektrischer Ausrüstung dank Investitionen in Netzinfrastruktur und Automatisierung.
Erkenntnisse, Chancen und Risiken
Blickt man auf die aktuellen Zahlen, stehen der deutschen Industrie sowohl Chancen als auch ernsthafte Herausforderungen bevor:
- Vorteile: Strukturwandel fördert Innovation bei Elektrotechnik und umweltfreundlichen Technologien. Potential für neue Märkte und Exportmöglichkeiten.
- Nachteile: Deindustrialisierungstendenzen in klassischen Segmenten, Arbeitsplatzverlust und Investitionsrückgang drohen.
- Langfristige Flexibilisierung und Automatisierung bieten Chancen für Effizienzsteigerung – allerdings sind umfassende Umqualifizierungsmaßnahmen nötig.
- Die Unsicherheit auf den Weltmärkten sowie geopolitische Umbrüche führen zu schwer planbaren Investitionszyklen.
Die zukünftige Entwicklung wird maßgeblich davon bestimmt, ob die Branche den Wandel zur digitalen und klimafreundlichen Produktion schnell genug bewältigt. Unternehmen und Beschäftigte müssen verstärkt in Qualifikation und Innovation investieren, um die strukturellen Vorteile auszubauen. Die Gesellschaft hofft auf stabile Arbeitsplätze und neue ökonomische Perspektiven, während die Industrie auf politische Unterstützung in Form von Förderungen und Infrastruktur setzt. Je nach Gestaltung des Wandels kann die deutsche Wirtschaft profitieren – oder weiter an globaler Bedeutung verlieren.



Kommentar abschicken