Digitalminister fordert europäische KI-Modelle: Souveränität, Werte und Wissen im Fokus
Digitalminister warnt: Europas technologische Unabhängigkeit steht auf dem Spiel
Wie unabhängig ist Europa bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz? Angesichts der Vorherrschaft US-amerikanischer Technologiekonzerne wie OpenAI, Google oder Meta fordert Digitalminister Karsten Wildberger entschlossene Gegenmaßnahmen. Im Interview betonte Wildberger, dass europäische KI-Modelle nicht nur für den Erhalt geistigen Eigentums, sondern auch für die Sicherung gemeinsamer europäischer Werte und des gesellschaftlichen Wissens essenziell seien. Der Digitalminister warnt vor einer wachsenden „digitalen Schere“: Während einige Bevölkerungsgruppen vom KI-Fortschritt profitieren, drohen andere abgehängt zu werden. Sein Ziel: KI muss für alle zugänglich und gestaltbar werden, nicht nur für Eliten und Großunternehmen. Zugleich plant Wildberger, in Zusammenarbeit mit zwei Bundesländern, die Digitalisierung der Verwaltung in Deutschland massiv voranzutreiben, etwa durch 50 % mehr Online-Dienstleistungen innerhalb der nächsten zwei Jahre. Die Dringlichkeit der Forderung ergibt sich aus der rasanten Entwicklung globaler Tech-Märkte und der Konsequenz, dass europäisches Wissen und Werte nicht einseitig von Dritten repräsentiert werden dürfen.
Mehr dazu im Interview mit Wildberger in der WELT.
Neuer EU-Aktionsplan: Europa will technologisch aufholen
Die Europäische Kommission hat im April 2025 einen umfassenden „Aktionsplan für den KI-Kontinent“ vorgestellt. Europa verfolgt künftig einen strategischen Ansatz, der in fünf Schlüsselbereichen ansetzt: Investitionen in KI-Dateninfrastrukturen, besseren Zugang zu Daten, gezielten Einsatz von KI in kritischen Sektoren, Förderung von KI-Talenten sowie die Vereinfachung von Rechtsvorschriften. Ziel ist, Europa zum globalen Innovationsführer zu machen – und dabei eigene ethische, technische und gesellschaftliche Standards in der KI zu setzen. Daran arbeiten Start-ups, etablierte Unternehmen sowie Forschungsinstitutionen gemeinschaftlich. Der Plan soll zudem die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die Grundlage für eine Europäische Datenunion schaffen, sodass Daten sicher, transparent und diskriminierungsfrei genutzt werden können.
Einzelheiten dazu sind im Aktionsplan der Europäischen Kommission nachzulesen.
Finanzierung und Infrastruktur: Das Digital Europe Programme
Ein zentrales Element für Europas technologische Souveränität ist das Digital Europe Programme. Mit einem Budget von 3,2 Milliarden Euro (2025-2027) fördert das Programm gezielt Schlüsseltechnologien wie KI, Cloud-Infrastrukturen, Cybersicherheit und Halbleiter. Zu den konkreten Vorhaben gehören der Aufbau von AI Factories, die Entwicklung sektoraler europäischer Datenräume (beispielsweise für Gesundheit oder Industrie) sowie die Gründung von vier Digital Skills Academies. Damit werden nicht nur Innovationen angestoßen, sondern zugleich die digitale Resilienz Europas gestärkt. Ziel ist es, ein robustes Fundament für KI-Modelle zu schaffen, die europäische Standards und Werte widerspiegeln.
Hintergründe und Details zum Förderprogramm finden sich beim Digital Europe Programme.
Herausforderungen und aktuelle Diskussionen
Die Forderung nach eigenen europäischen KI-Modellen steht im Kontext mehrerer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Debatten:
- Datensouveränität: Europäische Modelle sollen sicherstellen, dass sensible Daten europäischen Datenschutzstandards unterliegen und nicht ungefiltert an Drittstaaten oder Konzerne abfließen.
- Kulturelle Vielfalt und Werteorientierung: KI-Anwendungen, die in Europa entwickelt werden, reflektieren besser ethische Prinzipien, Sprache und gesellschaftliche Besonderheiten des Kontinents.
- Förderung regionaler Innovation: Durch gezielte Investitionen können mittelständische Unternehmen und Start-ups gefördert werden, wodurch neue Märkte und Arbeitsplätze entstehen.
- Digitale Teilhabe: Die Politik ist gefordert, Bildung, Arbeitswelt und Alltag so zu gestalten, dass niemand von der Digitalisierung abgehängt wird. Dazu braucht es niedrigschwellige Zugänge und Weiterbildungsmöglichkeiten in KI-Kompetenzen.
- Wettbewerb und Marktposition: Eigene KI-Modelle verschaffen Europa mehr Verhandlungsmacht und Resilienz gegenüber globalen Technologieanbietern.
Beispiel: Sektorale Datenräume und Verwaltungen
Ein konkretes Beispiel ist die Entwicklung sektoraler Datenräume, etwa im Gesundheitswesen. Hier können europäische KI-Systeme helfen, Diagnosemodelle zu trainieren, ohne dass Patientendaten international exportiert werden müssen. Auch die geplante Ausweitung digitaler Verwaltungsdienste – mit dem Ziel, mindestens 50 Prozent mehr Online-Angebote in zwei Jahren – ist ein praktischer Use Case, bei dem europäische KI-Lösungen Datenschutz, Bürgernähe und Effizienz vereinen.
Zukunftsaussichten und Auswirkungen
Europäische KI-Modelle bieten die Chance, eine eigenständige, nachhaltige und wertorientierte Digitalisierung zu gestalten. Sie stärken regionale Innovationskräfte, unterstützen Bildung und sichern langfristig europäische Werte in globalen Technologien. Allerdings sind die Herausforderungen beträchtlich: Hohe Kosten, der Bedarf an qualifiziertem Personal und der globale Innovationsdruck erfordern entschlossenes Handeln, Kooperation und nachhaltige Investitionen. Wenn es gelingt, europäische Standards durchzusetzen, können Bürger, Wirtschaft und Verwaltung gleichermaßen profitieren – von sichereren, inklusiveren und maßgeschneiderten KI-Anwendungen. Die Hoffnung ist, dass so neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze entstehen, die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt wird und Europa gestalterisch in der globalen Tech-Landschaft auftritt.
Kommentar veröffentlichen