Deutschlands wirtschaftlicher Selbstmord? Wie Fritz Vahrenholt zehn Jahre Pariser Klimaabkommen als Risiko für den Standort deutet

Deutschlands wirtschaftlicher Selbstmord? Wie Fritz Vahrenholt zehn Jahre Pariser Klimaabkommen als Risiko für den Standort deutet

Droht Deutschland durch das Pariser Klimaabkommen eine langwierige Deindustrialisierung – oder ist genau dieses Narrativ Teil eines politischen Kulturkampfs? Während Energiepreise, Standortabwanderungen und Klimaziele die Schlagzeilen bestimmen, warnt der frühere RWE-Manager und Autor Fritz Vahrenholt vor einem „wirtschaftlichen Selbstmord“ durch eine angeblich falsch verstandene Klimapolitik.[1][4] Gleichzeitig investieren Konzerne wie Siemens Energy, Vestas, Schneider Electric oder BYD massiv in grüne Technologien, während klassische Schwergewichte aus Chemie und Stahl mit den Energiekosten kämpfen. Für Anleger stellt sich damit die Frage: Welche Titel profitieren von einer verschärften Klimapolitik – und bei welchen DAX- und MDAX-Werten steigt das Risiko von Kursenttäuschungen?

Fritz Vahrenholt, Paris und der Vorwurf des „wirtschaftlichen Selbstmords“

Fritz Vahrenholt ist seit Jahren eine der lautesten Stimmen gegen die aktuelle deutsche Klimapolitik. Der frühere SPD-Umweltsenator, langjährige Energie-Manager (u. a. RWE, REpower) und Autor des Buches „Die kalte Sonne“ argumentiert, die deutsche Energiewende sei auf einem wissenschaftlich und ökonomisch fehlerhaften Fundament aufgebaut.[8][2] In jüngeren Auftritten kritisiert er insbesondere das Pariser Klimaabkommen und dessen Umsetzung in Deutschland.[1][4]

Im Kern seiner Kritik stehen drei Punkte:

  • Das Pariser Abkommen verlange aus seiner Sicht keine „Netto-Null-Emissionen“, sondern nur eine Halbierung der CO₂-Emissionen bis zur Stabilisierung der Konzentrationen.[4]
  • Die deutsche Politik habe das 1,5-Grad-Ziel überinterpretiert und sich damit zu einem wirtschaftlich ruinösen Pfad verpflichtet, der weit über das hinausgehe, was andere Staaten real umsetzen.[1][5]
  • Die dadurch ausgelöste ambitionierte Energiewende mit schnellem Kohle- und Atomausstieg führe zu hohen Strompreisen, „Abschaltindustrien“ und langfristig zur Deindustrialisierung.[1][3]

In einem Talk-Format zu „zehn Jahren Pariser Abkommen“ bilanziert das Umfeld des konservativen Magazins „Tichys Einblick“ das 1,5-Grad-Ziel als „ominös“ und „ruinös“ für die deutsche Wirtschaft.[1] Vahrenholt greift diese Linie auf: Er bezeichnet politische Forderungen nach „Null-Emissionen“ als „Blödsinn“ und wirft Politikern vor, das Abkommen nie richtig gelesen zu haben.[4]

Die politische Sprengkraft liegt darin, dass seine Argumente weit über Fachdebatten hinausreichen: Sie füttern das Narrativ, Deutschland „opfere“ seine Industrie, während Wettbewerber wie China angeblich weitermachen wie bisher.[1][4] Diese These wird allerdings von energie- und klimapolitischen Analysen massiv bestritten.[2][3]

Reaktionen aus Wissenschaft und Politik: Faktencheck zu Vahrenholt

Auf Vahrenholts Thesen haben verschiedene Medien, Thinktanks und Fachleute mit detaillierten Faktenchecks reagiert. Ein wiederkehrendes Muster: Viele seiner zentralen Aussagen zu Paris, China und den Kosten der Energiewende halten der Überprüfung nicht stand.[2][3][6]

Streitpunkt 1: Verlangt Paris „Netto-Null“ oder nur eine Halbierung?

Vahrenholt argumentiert, das Pariser Abkommen fordere lediglich eine Halbierung der Emissionen; die politische Forderung nach Netto-Null sei eine Überinterpretation.[4][5] Klimapolitische Analysen verweisen dagegen darauf, dass das Abkommen das Ziel festschreibt, den Temperaturanstieg deutlich unter 2 °C und möglichst auf 1,5 °C zu begrenzen.[7] Aus diesen Temperaturzielen ergibt sich in den IPCC-Szenarien faktisch die Notwendigkeit, globale Netto-Null-Emissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu erreichen – das ist Standardkonsens der Klimawissenschaft.[7][6]

Ein Gutachten des Wuppertal Instituts schildert, dass Paris eine Dynamik immer schärferer nationaler Beiträge (NDCs) etabliert hat, die regelmäßig nachgebessert werden müssen.[7] Das ist der Rahmen, in dem auch die EU mit dem „Fit for 55“-Paket und dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, agiert. Vahrenholt kritisiert also weniger den Buchstaben von Paris als die aus ihm abgeleitete politische Praxis.

Streitpunkt 2: China als Trittbrettfahrer?

Ein zentraler Baustein der „wirtschaftlicher Selbstmord“-These ist der Vergleich mit China: Deutschland verschärfe seine Klimaziele, während China angeblich keine wirksamen Beschränkungen habe und munter Kohlekraftwerke baue.[1][4] Faktenchecks zeigen ein differenzierteres Bild:

  • China ist Vertragsstaat des Pariser Abkommens, hat eigene Klimaziele und hat sein Ausbauziel für Wind- und Solarenergie bis 2030 bereits Jahre früher erreicht.[2]
  • China baut zwar neue Kohlekraftwerke, installiert aber gleichzeitig mehr Wind- und Solarkapazität als der Rest der Welt zusammen; ein Teil der Kohlekraftwerke dient zunehmend als Reservekapazität.[2]
  • Analysen verweisen darauf, dass die chinesischen Emissionen mittlerweile erste Stabilisierungstendenzen zeigen – wenn auch auf hohem Niveau.[2]

Ein ausführlicher Beitrag des Klimaportals Cleanthinking beschreibt Vahrenholts Darstellung Chinas als „Rosinenpickerei“ und ordnet seine Aussagen als Teil einer Desinformationsstrategie ein, die Unsicherheit über wissenschaftliche Konsense streuen soll.[2]

Streitpunkt 3: Strompreise, Energiewende und deutsche Industrie

Vahrenholt und ähnliche Stimmen machen die rot-grüne Energiepolitik direkt für den Anstieg der Strompreise und die Belastung energieintensiver Industrie verantwortlich.[1][3] Ein detaillierter Faktencheck des Magazins „EnergieWende.eu“ zeigt jedoch, dass der Preisschock ab 2021/22 im Kern von drei anderen Faktoren getrieben wurde:[3]

  • der globale Gaspreisanstieg infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine,
  • der europäische Strommarktmechanismus (Merit Order), bei dem teure Gaskraftwerke den Preis setzen,
  • und strukturelle Abhängigkeit von fossilen Importen.

Die Analyse kommt zum Schluss: Ohne die bereits ausgebauten erneuerbaren Energien wären die Großhandelspreise noch höher gewesen, weil noch mehr Strom aus teuren Gaskraftwerken oder Importen hätte bezogen werden müssen.[3] Vahrenholts These, die Grünen hätten durch das „Nicht-Zurückholen“ von Kohlekraftwerken den Strompreis nach oben getrieben, wird in dem Faktencheck als irreführend eingeordnet.[3]

Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass deutsche Industriestrompreise im internationalen Vergleich lange hoch waren und energieintensive Unternehmen wie Chemie, Papier, Metall und Glas besonders treffen. Für Investoren ist entscheidend: Ob dieser Kostennachteil nachhaltig bleibt, hängt weniger von Paris als von der konkreten Ausgestaltung nationaler Energie-, Netz- und Abgabenpolitik ab.

Ökonomische Realität: Belastungsprobe für Chemie, Stahl & Autos – Rückenwind für GreenTech

Abseits der ideologischen Fronten zeigt sich ein ambivalentes Bild der deutschen Wirtschaft: Während einige Branchen unter Energiekosten und Regulierung leiden, profitieren andere massiv von der globalen Dekarbonisierungswelle.

Energieintensive Industrie am Limit

Unternehmen der Grundstoffindustrie – etwa Chemiekonzerne, Zementhersteller, Glas- und Papierindustrie – sind die Hauptverlierer hoher Strom- und Gaspreise. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Branchenverbände warnen seit Jahren vor Standortverlagerungen, insbesondere in Länder mit günstigeren Energiepreisen (USA, Naher Osten).[3][7]

Drei besonders betroffene Sektoren:

  • Chemie (BASF, Covestro): Hohe Gasabhängigkeit, gleichzeitig Investitionsdruck in wasserstoffbasierte Prozesse und Kreislaufwirtschaft.
  • Stahl (ThyssenKrupp, Salzgitter): Milliardeninvestitionen in wasserstoffbasierte Direktreduktion (H2-DRI); ohne günstigen grünen Strom drohen Wettbewerbsnachteile.
  • Automobil (Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW): Doppeldruck aus Elektrifizierung (Batterien, Software) und Lieferkettenumstellung; der CO₂-Preis fließt zunehmend in Standortentscheidungen ein.

Gleichzeitig entstehen neue Fördertöpfe (z. B. Klimaschutzverträge/CCfD, Dekarbonisierungsprogramme), die diese Transformation abfedern sollen. Für Anleger bedeutet das: Die Bewertung dieser Branchen hängt zunehmend von der Frage ab, ob sie es schaffen, die Dekarbonisierung in ein tragfähiges Geschäftsmodell zu übersetzen, statt sie nur als Kostenblock zu erleben.

GreenTech als langfristiger Gewinner – trotz Kulturkampf

Auf der anderen Seite eröffnen Paris und nachfolgende Klimapakete enorme Wachstumsfelder:

  • Erneuerbare Energien: Hersteller von Windturbinen, Solarmodulen, Invertertechnik und Projektierer profitieren direkt von globalen Ausbauzielen, unabhängig von der deutschen Debatte. Europäische Unternehmen wie Vestas, Nordex oder Siemens Gamesa sind trotz zyklischer Margenprobleme langfristig strukturelle Gewinner.
  • Netzinfrastruktur und Speicher: Unternehmen mit Fokus auf Netzautomatisierung, Umspanntechnik, Batterien und stationäre Speicher (z. B. Schneider Electric, Eaton, CATL) profitieren von der Notwendigkeit, fluktuierende Einspeiser zu integrieren.
  • Effizienz- und Elektrifizierungstechnologien: Wärmepumpenhersteller, Gebäudetechnik, Leistungselektronik, Halbleiter für erneuerbare Anwendungen (z. B. Infineon im Bereich Leistungshalbleiter) wachsen mit der Umstellung von fossilen auf elektrische Systeme.

Interessant ist dabei ein Punkt, den Vahrenholt in seinen Auftritten selbst streift, aber anders bewertet: Die Energiewende eröffnet neue industrielle Kerne – nur oft nicht mehr in den traditionellen Schwerindustrie-Clustern, sondern in technologieorientierten Ökosystemen, die Kapital, F&E und Fachkräfte anziehen.

Neue Wissenspunkte: Drei oft übersehene Dynamiken der Klimapolitik

1. CO₂-Preis als Kapitalallokator – nicht nur als Kostenfaktor

Während Gegner strenger Klimaziele den CO₂-Preis primär als Belastung darstellen, ist er in der Praxis zu einem zentralen Steuerungsinstrument für Kapitalflüsse geworden. Pensionsfonds, Versicherer und Asset Manager richten ihre Portfolios zunehmend an „internen CO₂-Preisen“ aus: Unternehmen mit hohen zukünftigen CO₂-Kosten werden abgewertet, Firmen mit glaubwürdigen Dekarbonisierungspfaden aufgewertet. Diese Interaktion zwischen Regulierung und Kapitalmärkten wird in der politischen Debatte rund um „wirtschaftlichen Selbstmord“ häufig unterschätzt, wirkt aber real über Kreditkosten und Bewertungsaufschläge.

2. Klimapolitik als Innovationsdruck – Beispiel CCS und Wasserstoff

Vahrenholt fordert für Deutschland unter anderem den Einsatz von Carbon Capture and Storage (CCS) an Kohlekraftwerken oder Gaskraftwerken, kombiniert mit dem Weiterbetrieb fossiler Anlagen.[2][4] Interessanterweise setzen viele Unternehmen in der Praxis eher auf andere Dekarbonisierungspfade:

  • Der Kupferkonzern Aurubis, bei dem Vahrenholt im Aufsichtsrat aktiv war, setzt laut Nachhaltigkeitsberichten auf Elektrifizierung, Recycling, Abwärmenutzung und alternative Brennstoffe, nicht auf CCS.[2]
  • Stahlkonzerne priorisieren wasserstoffbasierte Direktreduktion vor großflächigem CCS.
  • In der Chemiebranche werden Elektrolyse, Biofeedstocks und Kreislaufchemie vor CO₂-Abscheidung in die industrielle Pipeline geschoben.

Damit zeigt sich: Der reale Technologiepfad der Industrie weicht oft deutlich von den in Talkrunden propagierten Lösungsrezepten ab. Klimapolitischer Druck beschleunigt diese technologische Neuordnung.

3. Informationskrieg um Klimapolitik – ökonomisch relevant

Deutschlandfunk und andere Medien zeichnen nach, wie organisierte Klimawandelleugnung und -verharmlosung in vielen Ländern gezielt versucht, Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern, indem Unsicherheit in der öffentlichen Meinung geschürt wird.[6] Der Verein EIKE (Europäisches Institut für Klima und Energie) etwa wird als Akteur beschrieben, der systematisch den menschengemachten Klimawandel leugnet.[9] In diesem Umfeld bewegen sich auch einige Argumentationslinien Vahrenholts.[2][3][9]

Für Investoren ist dieser „Informationskrieg“ nicht nur politisches Beiwerk: Er beeinflusst Wahlentscheidungen, Gesetzgebungszyklen und damit das regulatorische Risiko von Sektoren. Kurzfristig kann ein politischer Rollback (z. B. Abschwächung von CO₂-Preisen) fossile Geschäftsmodelle stützen; mittelfristig erhöht eine inkonsistente Politik allerdings die Planungsunsicherheit – und damit die Kapitalkosten.

Wirtschaftliche Gesamtwirkungen: Risiko, Chance – oder Beides?

Ob man von „wirtschaftlichem Selbstmord“ spricht, hängt stark von der Betrachtungsebene ab.

Makro-Perspektive: Strukturwandel statt Totalverlust

Empirische Studien zur Wirkung von Klimapolitik auf Wachstum und Beschäftigung kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass ambitionierter Klimaschutz kurzfristig sektorale Verwerfungen und mittelfristig Wachstumschancen schafft – insbesondere, wenn Innovationen und neue Industrien entstehen.[7][6] Die Risiken konzentrieren sich:

  • auf exportorientierte, energieintensive Branchen,
  • auf Regionen mit hoher Fossil- oder Grundstoffabhängigkeit,
  • auf Unternehmen ohne glaubwürdige Dekarbonisierungsstrategie.

Dem stehen Vorteile gegenüber:

  • Reduzierte Importabhängigkeit von fossilen Energieträgern und deren Preisschocks,
  • neue Exportmärkte für GreenTech,
  • Risikominderung gegenüber Klimaschäden (Infrastruktur, Landwirtschaft, Gesundheit).

Die Erzählung vom „Selbstmord“ blendet diese zweite Seite oft aus: Klimapolitik verschiebt die Gewichte zwischen Sektoren, sie löscht die Volkswirtschaft nicht aus.

Mikro-Perspektive: Gewinner- und Verliereraktien

Auf Unternehmensebene sind die Unterschiede drastischer:

  • Unternehmen, die Investitionen in Dekarbonisierung verschleppen, riskieren „Stranded Assets“ und Bewertungsabschläge.
  • Firmen, die Paris-konforme Strategien glaubwürdig in Geschäftsmodelle übersetzen, erhalten besseren Zugang zu Kapital und Förderinstrumenten.
  • Kapitalmärkte beginnen, CO₂-Risiken in Kreditkosten und Bewertungsmodellen systematisch einzupreisen.

Die These des „wirtschaftlichen Selbstmords“ lässt sich daher differenzieren: Es findet eher ein „Portfolio-Selbstmord“ bei jenen Investoren statt, die strukturell in CO₂-intensive Geschäftsmodelle übergewichtet bleiben, während sich Politik, Technologie und Kapitalmärkte längst weiterdrehen.

Aktienanalyse: Was kaufen, halten, verkaufen?

Aus Investorensicht lassen sich vor dem Hintergrund der Paris-Debatte und von Vahrenholts Kritik drei Gruppen unterscheiden. Die folgenden Einschätzungen sind keine Anlageberatung, sondern eine ordnende Einordnung entlang der Klimarisiken und -chancen.

1. Potenzielle Kaufkandidaten: Profiteure der Dekarbonisierung

  • Hersteller von erneuerbaren Energien und Komponenten (z. B. Vestas, Nordex, Enphase, SMA Solar): Globale Ausbauziele für Wind und Solar werden durch Paris und nachgelagerte Politiken gestützt. Kursschwankungen sind hoch, strukturell bleibt die Nachfrage stark.
  • Netz- und Elektrifizierungs-Spezialisten (z. B. Schneider Electric, Eaton, ABB, Infineon im Bereich Leistungshalbleiter): Jede zusätzliche Wind- und Solaranlage erzeugt Bedarf an Umspannwerken, Leistungselektronik und smarter Steuerung.
  • Unternehmen mit klaren Net-Zero-Roadmaps (z. B. einige große Industrials und Tech-Konzerne mit detaillierten Dekarbonisierungsplänen): Sie werden von ESG-orientierten Investoren bevorzugt, was die Kapitalkosten senkt.

Die politische Kontroverse um „wirtschaftlichen Selbstmord“ ändert an diesen strukturellen Trends wenig; sie beeinflusst allenfalls das Tempo nationaler Programme.

2. Halteposition mit strenger Beobachtung: Transformations-Bluechips

  • Chemie (z. B. BASF, Covestro): Entscheidend ist, ob der Übergang zu grünen Energien und alternativen Rohstoffen gelingt und in höhere Margen übersetzt werden kann. Hohe Investitionsbedarfe treffen auf volatile Nachfrage.
  • Stahl (z. B. ThyssenKrupp, Salzgitter): Großprojekte zu grünem Stahl eröffnen neue Märkte, sind aber stark von Förderpolitik und Energiepreisen abhängig.
  • Automobil (Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW): Die Dekarbonisierung trifft hier auf den ohnehin laufenden Technologiewechsel zu E-Mobilität und Software. Wer frühzeitig CO₂-arme Lieferketten aufbaut, kann künftig regulatorische und Reputationsvorteile nutzen.

Bei diesen Titeln lohnt sich ein genaues Studium der Dekarbonisierungspläne, Capex-Programme und des Umgangs mit CO₂-Preisen. Sie sind keine Verlierer per se, aber hoch sensibel gegenüber der Ausgestaltung von Paris-konformen Politiken.

3. Potenzielle Reduzierungs- oder Verkaufspositionen: CO₂-abhängige Altmodelle

  • Reine fossile Energieerzeuger ohne glaubwürdige Transition-Strategie: Unternehmen, deren Geschäftsmodell primär auf Kohleverbrennung beruht und die CCS nur rhetorisch ins Feld führen, stehen wirtschaftlich unter Druck, sobald CO₂-Preise steigen und Finanzmärkte Klimarisiken stärker bepreisen.
  • Industrien mit hoher CO₂-Intensität und schwacher Lobby für Transformation: Wer weder politischen Schutz (z. B. über Carbon-Leakage-Regelungen) noch technologische Roadmaps hat, wird schnell zum Stranded Asset.
  • Firmen, die Klimarisiken kommunikativ leugnen, statt sie strategisch zu managen: Aus Investorensicht steigt hier nicht nur das ökologische, sondern auch das Reputations- und Governance-Risiko.

Vahrenholts Narrativ kann kurzfristig politisch Rückenwind für solche Geschäftsmodelle erzeugen. Mittelfristig sprechen Kapitalmarktdynamik, Regulierung und technologische Entwicklung jedoch gegen eine Übergewichtung dieser Sektoren im Portfolio.

EnergieWende.eu arbeitet in einem umfangreichen Faktencheck heraus, dass viele der vorgeschlagenen „Alternativpfade“ Vahrenholts (z. B. längerer Einsatz von Kohle) mit den selbst von ihm als realistisch angenommenen Emissionsszenarien unvereinbar sind.[3]

Ausblick: Wie geht es weiter mit Paris, Deutschland und der Industrie?

Drei Trends zeichnen sich klar ab, unabhängig von der innenpolitischen Zuspitzung:

  • Paris bleibt globaler Referenzrahmen: Auch wenn einzelne Regierungen zeitweise ausscheren, bleibt das 1,5–2 °C-Ziel der Anker für Investitionsentscheidungen von Staaten und Großunternehmen.[7][6]
  • Industriepolitik wird zum entscheidenden Hebel: Der eigentliche Unterschied zwischen „wirtschaftlichem Selbstmord“ und „grünem Aufschwung“ liegt weniger im Klimaziel selbst als in der Frage, wie schnell Genehmigungen, Stromnetze, Speicher und Förderprogramme umgesetzt werden.
  • Kapitalmärkte erhöhen den Druck: Banken und Investoren integrieren Klimarisiken immer stärker in Ratings und Kreditkonditionen; das macht ein „Weiter so“ fossiler Geschäftsmodelle zunehmend teuer.

Der Diskurs, den Vahrenholt anheizt, wird also weitergehen – aber die Grundrichtung der globalen Klimapolitik dürfte sich dadurch nicht fundamental ändern. Entscheidend ist, ob Deutschland es schafft, den Übergang von einer fossil- und grundstofflastigen zu einer innovationsgetriebenen, emissionsarmen Industrie zu gestalten, ohne breite gesellschaftliche Brüche zu erzeugen.

Für Investoren heißt das: Der entscheidende Hebel ist nicht die Frage, ob Paris bleibt – sondern wer es schafft, Paris-konform profitabel zu wirtschaften.

Wer die These vom „wirtschaftlichen Selbstmord“ ernst nimmt, sollte sie weniger als Untergangsszenario für eine ganze Volkswirtschaft lesen, sondern als Warnsignal für spezifische Sektoren und Geschäftsmodelle: Energieintensive Industrien ohne glaubwürdige Dekarbonisierungsstrategie, rein fossile Versorger und Unternehmen, die Klimarisiken kommunikativ kleinreden, tragen das größte Bewertungsrisiko. Auf der anderen Seite eröffnen Paris und die folgenden Politiken ein strukturelles Wachstumsfeld für Erneuerbare, Netzinfrastruktur, Effizienz- und Elektrifizierungstechnologien – hier bieten sich selektive Kaufchancen, insbesondere bei Firmen mit soliden Bilanzen und technologischer Differenzierung. Mittel- bis langfristig wird nicht die Existenz von Klimapolitik über Wohlstand und Börsenerfolg entscheiden, sondern deren Qualität: Je schneller Deutschland von einem regulatorisch komplizierten, kostenorientierten Ansatz zu einer innovations- und industriepolitisch kohärenten Klimastrategie findet, desto eher wird aus dem vermeintlichen „Selbstmordprogramm“ ein Wettbewerbsprogramm. Anleger sollten ihre Portfolios entsprechend vom CO₂-Risiko weg und hin zu Paris-kompatiblen Geschäftsmodellen umbauen – nicht aus Ideologie, sondern aus nüchterner Risiko-Rendite-Abwägung.

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